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"Kunstgriff ! Natur als Konstruktion" - von Judith Bader

2015 | Eröffnungsrede in der Städtischen Galerie Traunstein. Judith Bader ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Städtischen Galerie.

Mit Arbeiten von Judith Egger, Karl-Heinz Einberger, Alessia von Mallinckrodt, Mizuho Matsunaga, Helmut Mühlbacher, Elisabeth von Samsonow und Eva Elisabeth Wallner.

Meine Damen und Herren,

der Titel der Ausstellung „Kunstgriff ! Natur als Konstruktion“ verdeutlicht bereits die Grundannahme der Ausstellung: es gibt in unserer Wirklichkeit sehr, sehr unterschiedliche Erklärungsmodelle und Definitionen für die Natur, naturwissenschaftliche, philosophische, religiöse, weltanschauliche und geistesgeschichtliche Herangehensweisen und Perspektiven, deren Systeme und Diskurse nach jeweils unterschiedlichen Gesetzen, Ordnungen und Regeln verlaufen. Eine Vielzahl dieser unterschiedlichen Ansätze wird in unserer Ausstellung sichtbar gemacht, nicht gegeneinander ausgespielt als richtig oder falsch, sondern in ihrer Differenz nebeneinandergestellt. Die alle Arbeiten verbindende Gemeinsamkeit ist dabei, dass die Vorstellung, die sich Menschen von der Natur machen, eine von den Menschen erdachte Konstruktion ist, die dazu beitragen soll, sich die Vorgänge in der Welt zu erklären und transparent zu machen. Der Mensch ist es, wir sind es, die im Zentrum der Ausstellung stehen, wenn auch der Mensch als Motiv völlig in den Hintergrund rückt.

Begleiten Sie mich jetzt bei einem Ausstellungsrundgang, der Ihnen die einzelnen Künstler und ihre Kunstwerke kurz vorstellen wird. (…)

Helmut Mühlbacher, Jahrgang 1968, wurde in Traunstein geboren und, nach Jahren der Ausbildung zum Landschaftsarchitekten und zum konzeptionell arbeitenden Bildhauer an der Akademie der bildenden Künste in München, ist er mittlerweile zu einer prägenden und die lokale Kunstszene ungemein bereichernden und belebenden Figur geworden. „Mein Interesse gilt insbesondere einer intensiven Auseinandersetzung mit räumlichen Situationen und der Entwicklung von Arbeiten für einen spezifischen Ort, wobei ich mich sehr intensiv mit dem Spannungsfeld des „Natürlichen“ und „Künstlichen“ auseinandersetze“ sagt er selbst über seine künstlerischen Intentionen, und so zeigen wir hier, neben den Holzstapeln, zwei Arbeiten von ihm, die als programmatisch gelten dürfen.

Die Installation „natürlich künstlich“ war im letzten Jahr im Rahmen der Reihe „Kunst im Park“ bereits am Wochinger Spitz zu sehen, dort war es das Gras, das sich über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg einen Weg ans Licht durch die auf einer Stahlplatte eingefrästen Schriftzüge gesucht hat.

Hier im Innenraum, auf Parkettboden platziert, verändert sich die Konzeption für das Werk und es verändert sich ihr Aussehen: anstatt des Grases ist es nun die durch den Künstler selbst angesäte Kresse, die lebendiges Wachstum in diese Ausstellung bringt, und uns neu über den Gegensatz von natürlich und künstlich nachdenken lässt. Wenn die Kresse – gleich jetzt im Anschluss – geerntet wird, soll nachgesät werden und der Wachstumsprozess beginnt von vorne. Geplant ist dieser für die Natur ja so kennzeichnende Prozess des Werdens und Vergehens über die gesamte Ausstellungszeit hinweg, so dass der Besucher zu unterschiedlichen Zeiten, unterschiedliche Zustände der Installation erleben kann. (…)

Die für die Ausstellung „Kunstgriff ! Natur als Konstruktion“ eingeladenen sieben Künstler reihen sich ein in die Reihe derer, die durch die Zeiten hindurch nach den Signaturen auf der Oberfläche gesucht haben, welche auf einen verborgenen Zusammenhang hinweisen könnten, auf unsichtbare Abhängigkeiten und Verwandtschaften aufmerksam machen. Kunst, gute Kunst, ist niemals die bloße Illustration von theoretischen Axiomen oder gedanklichen Statements. Denn die Kunst spricht uns auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen an, sie fordert unseren Kopf, unser Herz und unsere Sinne heraus und beschenkt uns mit Wahrnehmungserlebnissen, die uns die Welt und die Wirklichkeit, in der wir leben, anders empfinden, anders denken und anders sehen lässt. „Was hält die Welt im Innersten zusammen?“ könnte als Leitmotiv für unsere Ausstellung gelten und ich bin sicher, dass heute genügend Stoff für anregende Gespräche geboten ist. (…)

 

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"Synaptische Felder" - von Gisela Heide

2008 | Ausstellung im Kunstverein Ebersberg. Auszug aus der Eröffnungsrede.

(…) Bevor ich auf die einzelnen Arbeiten eingehen werde, ist es mir ein Anliegen, dieses Gemeinsame, Verbindende der Positionen mit Ihnen etwas näher zu betrachten. Zum einen findet es Ausdruck in Form des Ausstellungstitels: „Synaptische Felder“. Mit dem Untertitel Kommunikation und Grenz-Erfahrung wird er spezifischer und weist in eine bestimmte Richtung.

Natürlich ist jede Form von Kunst auch Kommunikation: Kommunikation des Künstlers mit dem entstehenden Bild, Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter, Kommunikation innerhalb des Bildes, Kommunikation der Arbeiten untereinander, Kommunikation, die entsteht zwischen den Besuchern. Kommunikation verbindet und macht auch Grenzen erfahrbar. Das Spezifische nun an dieser Ausstellung ist, dass alle Arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen Kommunikationsprozesse untersuchen und in Gang setzen und dabei Grenz-Erfahrungen in der jeweiligen Weise ganz bewusst thematisieren.

Lassen Sie mich nun anhand dieses Gedankenfadens konkret zu den einzelnen Arbeiten übergehen. Vorausschickend möchte ich sagen: Es geht mir nicht darum, die Arbeiten zu erklären oder zu analysieren, meine Ausführungen und persönlichen Eindrücke können lediglich Hinweise oder ein Anstoß sein, worauf Sie Ihre eigenen Assoziationen finden und Erfahrungen mit den Arbeiten machen werden.

(…) es werden neue Sichtweisen eröffnet durch den Folienraum von Helmut Mühlbacher. Die Transparenz und Fragilität dieser Installation scheint mir sehr passend zu Jess’ Handschrift. Wie eine durchsichtige wabernde Haut oder ein dünner Film legt sich die Folie zwischen den Blick des Betrachters und den Arbeiten an der Wand. Indem Sie sich im Raum bewegen, können sich ganz neue Blickwinkel und Perspektiven eröffnen und Bedeutungsinhalte der Bilder verstärken oder verschieben.

Helmuts Installation mit Titel „atmungsaktiv“ ist aus konventioneller Frischhaltefolie gestaltet und ist nicht ohne den umgebenden Raum zu denken. Sein Anliegen war es, eine Innen-Außen-Situation zu schaffen, die dennoch den gesamten Raum überblicken und ihn neu wahrnehmen lässt. Der Folienraum kann sowohl visuell als auch akustisch erlebt werden. Geht man durch ihn hindurch, entsteht ein Luftzug, der die Folie bewegt und knistern lässt.

Der Raum im Raum beinhaltet vor allen Dingen auch interaktive Aspekte. Begegnungen mit Menschen auf der anderen Seite der Membran können neu oder anders erlebt werden. Es entsteht eine gewisse Irritation in der Wahrnehmung, die uns die Situation, in der wir stehen, vor Augen führt. Kontaktaufnahme mit dem Gegenüber wird einerseits erschwert, andererseits jedoch durch die Bewusstmachung der Trennung erst ermöglicht. Ich möchte Sie dazu auffordern mit dem Innen und Außen zu spielen und Ihre eigenen Erfahrungen damit zu machen.

 

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"whenever - wherever" - von Helmut Mühlbacher

2015

Fünf filigrane Tische von ein mal ein Meter bilden eine auf den ersten Blick sehr unscheinbare Installation im Ausstellungsraum. Kommt man näher, erscheint auf jedem Tisch ein Bild aus unzähligen Linien, welches Assoziationen zu Landkarten und somit zur Wiedergabe von Wirklichkeiten auslöst. Die liegende Präsentation der Zeichenblätter unterstützt diese Assoziation, die durch die Möglichkeit des Umrundens der Tische noch verstärkt wird.
Sehr wahrscheinlich wird sich die Frage aufdrängen, wo oder was soll das sein? Der eigene Bildspeicher wird durchwühlt und nach einem Bildabgleich geforscht. Es gibt aber keine Antwort zu finden, da die Zeichenblätter keinerlei Anhaltspunkte zu Maßstab, Größe, Entfernung, Höhe oder Tiefe liefern. Diese, der kulturellen Entwicklung geschuldeten Maßstäbe, die wir alltäglich zur Orientierung benutzen, vermitteln uns ein permanentes Gefühl von Macht und Beherrschung gegenüber der Oberfläche der Erde.
Die „Karten“ auf den Tischen erzeugen hingegen, trotz Faszination für deren Oberfläche, eher das Gefühl von Orientierungslosigkeit, vom Verlust der eigenen Größe, vom eigenen Maßstab, da sich auch keinerlei Zeichen menschlichen Lebens in den „Karten“ finden, vielleicht entsteht sogar ein Stück Ohnmacht, da es kaum gelingt auch nur eine einzige Linie zu verfolgen oder sich an einer Linie zu orientieren.

Wann und wo wird das sein oder mag das gewesen sein? Eine Frage durch die eine Neuverortung der eigenen Person stattfinden könnte, da der Kern der Arbeit um Kräfte und Dimensionen, im kulturellen Kontext gesprochen um Natur kreist, die wir so nicht kennen, aber vielleicht ahnen.
In seiner Entstehung ist die Arbeit ein rein zeichnerisches Konzept mit zwei konsequenten Vorgaben, die sich im Zeichenprozess entwickelt haben. Zum Einen beginnen die Zeichnungen mit einem kleinen Ring von innen heraus und zum Anderen versucht jede neue Linie der vorherigen so nah als möglich zu folgen. Der einzig gestaltende Eingriff ist die Platzierung und Anzahl der Startpunkte auf dem jeweiligen Blatt.
Dieses Konzept wurde stringent bis an alle Blattränder fortgeführt. Durch den Wechsel von Zug und Schub des Stiftes entstehen ab einem gewissen Durchmesser kleine Schwingungen, die, je weiter sich die Linien vom Mittelpunkt entfernen, meinem eigenen Rhythmus folgen. Die Zeichnung wird zum Seismographen der eigenen Schwingung, der eigenen Natur.
Umrundet man langsam die Zeichnungen, wird sich mit jeder Bewegung das Bild verändern, konvexe und konkave Formen ergeben sich und wechseln bei geringster Bewegung, es entsteht ein sehr dynamisches und sich ständig veränderndes Bild.

 

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"Aquarius" - von Judith Bader

2019 | Rede zur Eröffnung der Rauminstallation „Aquarius“ von Helmut Mühlbacher und Reinhold Lay in der Alten Wache im Rathaus Traunstein. Judith Bader ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein.

Meine Damen und Herren,

die Rauminstallation „Aquarius“ besteht aus verschiedenen Bestandteilen: 3 Dialeinwände mit den fragilen Linienzeichnungen von Helmut Mühlbacher, ein Monitor, der eine Videocollage von Reinhold Lay in Endlosschleife ablaufen lässt, und eine Hörstation mit Texten, die von verschiedenen Sprechern, unter anderen von Mitgliedern der Theaterwerkstatt Traunstein, eingelesen sind. Leinwände und Monitor sind in einem offen gestellten Viereck angeordnet, in dessen Mitte für den Betrachter ein Drehstuhl bereitsteht, der dem Betrachter nahelegt, immer wieder unterschiedliche Positionen einzunehmen und die Blickrichtung fortwährend zu verändern. Durch die Anordnung dieser Bestandteile auf einem alten Teppich entsteht ein offen gehaltener Raum, in den der Besucher eintritt oder ihn wieder verlässt. Etwas abgesetzt davon befindet sich die Hörstation mit Kopfhörern, die den Gast in einen neu erschaffenen akustischen Raum versetzt, denn nun dominieren die Texte der Hörstation, die Stimmen aus der Videocollage treten in den Hintergrund, die laufenden und statischen Bilder aber bleiben. Der Entscheidung des Besuchers ist es überlassen, zwischen der Hörstation und den Bildern gedankliche Beziehungen und visuell-auditive Verknüpfungen herzustellen.

Die Ausstattungsgegenstände der beschriebenen Rauminstallation stammen ursprünglich aus Funktionszusammenhängen des Alltags, die nun für die Kunst neue Bedeutungen erlangen. Dialeinwände, normalerweise genutzt als neutrale Projektionsflächen für zum Beispiel Urlaubsfotos werden zu dauerhaften Bildträgern von Zeichnungen. Das TV-Gerät, normalerweise genutzt für die wechselnde Übertragung verschiedener medialer Formate des Fiktionalen und Nichtfiktionalen wird zur Wiedergabefläche eines beständigen Artefakts. Ein Teppich, dessen Beschaffenheit und Musterung der Behaglichkeit und Verschönerung des Zuhauses dient, wird zur Grundlage einer Medienvermittlung, die über den privaten Raum hinausgeht und gesellschaftlich-politische Fragestellungen aufwirft. Es werden also nicht nur verschiedene Gattungen und Genres der Bildenden Kunst gemixt, sondern durch diese von den Künstlern gewählte Form sind auch unterschiedliche Sinnzusammenhänge und Bedeutungsebenen anzitiert und zur Disposition gestellt.

Zwei der drei Linienzeichnungen von Helmut Mühlbacher zeigen eng untereinander mit einem schwarzen Fineliner gesetzte schwarze Horizontalen. Diese nehmen, wie Zeilen angeordnet, etwa 2/3 der Fläche in einem rechteckigen Feld ein. Die einzelnen Linien sind dabei vom linken zum rechten Rand, ohne Unterbrechung und ohne den Stift abzusetzen, gezogen. Neben der Konzentration, die erforderlich ist, um die Linie kontinuierlich, in einem Fluss zu ziehen, schreibt sich trotz aller Ritualisierung des Zeichenvorgangs auch die situative Verfasstheit des Künstlers mit ein. Der Druck, mit dem der Stift aufgesetzt wird, variiert, ein leichtes Zittern der zeichnenden Hand, ein kurzes Zögern des Künstlers finden sich unmittelbar in kleinen Unregelmäßigkeiten in der Stiftführung wieder und machen dadurch jede gezogene Linie einzigartig. So stereotyp, neutral und gleichförmig diese Zeichnungen vielleicht auf einen ersten, schnellen Blick wirken mögen, so fragil, unverwechselbar und vielfach motiviert erweisen sich die Striche letztlich. Jede Linie ist eine Spur, die geprägt ist von Zeit und Raum, vom künstlerischen, gestalterischen Ich auf der einen Seite, von der Körnung des Bildträgers andererseits und drittens der Wahrnehmung des Rezipienten.

Es sind seismographische Aufzeichnungen der Wirklichkeit, abstrahiert und verdichtet, die Fragen an das Grundsätzliche aufwerfen können: Was hält die Welt im Innersten zusammen, welche Muster prägen unser Erleben und Empfinden, welche Assoziationen stellen sich ein, wann ist eine Grenze, als die jede Linie gelesen werden kann, ein Schutz und wann dient sie der Abschottung und führt zu einer Vertiefung der Gräben? Auf der dritten Leinwand hat Helmut Mühlbacher das Mittelmeer und die daran angrenzenden Länder dargestellt. Im Gegensatz zum gewohnten Kartenbild ist es allerdings das Meer, das durch schraffierte Linien Gestalt bekommt, und nicht wie üblich die umrissenen Flächen der verschiedenen Länder. Der Betrachter hat zunächst Mühe sich zu orientieren und den Perspektivenwechsel nachzuvollziehen. Die einzelnen Länder der Kontinente von Europa und von Afrika sind wie nicht vorhanden und aufgelöst, gleichermaßen abgegrenzt wie verbunden durch das Meer.

In Erinnerung gerufen sei hier noch einmal, dass Helmut Mühlbacher seine Zeichnungen nicht auf Papier oder Leinwand verwirklicht hat, sondern der Bildträger ist bewusst gewählt in seiner Funktion als eine ursprünglich neutrale Projektionsfläche für die verschiedensten Inszenierungen der Wirklichkeit. Diese Projektionsfläche, die widerspruchslos die digitale und analoge Bilderflut aufnimmt, zeigt und interpretiert uns die Welt, die maßgeblich geprägt und bestimmt ist von der Überwältigungsstrategie der Medien. Urlaubsfotos und Handyfilme, die das Mittelmeer als positiven Sehnsuchtsort der Freizeit und der Erholung definieren, überschreiben sich mit Reportagefotos, die das Mittelmeer als rettende Zuflucht und Zukunft versprechende Transitzone für Schutzsuchende schildern und mit alarmierenden Nachrichtenbildern, die das Meer als einen die mediale Aufmerksamkeit erzwingenden Brennpunkt für gesellschaftliche Konflikte und politische Verwerfungen interpretieren. Helmut Mühlbachers Beitrag zur Rauminstallation „Aquarius“ fordert den Betrachter auf, komplex zu denken, Perspektiven zu wechseln, Zusammenhänge herzustellen, Probleme zu analysieren und nach intelligenten Lösungen zu suchen, die der existentiellen physischen und geistigen Entwurzelung und Unsicherheit von uns Menschen entgegentreten können.

Direkt aus der Flut der vorhandenen Medienbilder, die Helmut Mühlbacher nicht zeigt, schöpft der Theaterregisseur Reinhold Lay sein Material. Seine Videocollage setzt sich zusammen aus Redemitschnitten deutscher Politiker, aus Sequenzen von TV-Sendungen zur Flüchtlingsthematik, historischen Fotografien aus Konzentrationslagern des Dritten Reiches und Standfotos von Menschen verschiedener Herkunft.

Die Mittel für seinen Regiezugriff bestehen in filmischen Cuts, in der Wahl des Ausschnittes, der Geschwindigkeit und Lauflänge sowie dem Konterkarieren der Sequenzen durch eine bestimmte Abfolge, die eine bestimmte Lesart und Interpretation heraufbeschwört.

Bei allen Bestandteilen dieser Collage handelt es sich ja zunächst um Einzeldokumente, die Faktizität für sich beanspruchen, erst ihre Zusammenstellung konstruiert und inszeniert einen Deutungs- und Sinnzusammenhang. Entstanden ist daraus ein Narrativ, eine Erzählung, die durch drastische und verstörende Bilder und Äußerungen und den Furor der Empörung den Betrachter zutiefst provozieren soll: zu zustimmender Bestätigung oder zu wütender Ablehnung. Nun ist die Kunst nicht in erster Linie dazu da, etwas zu erklären und wissenschaftlich korrekt zu analysieren. Aber die Kunst kann durchaus für Erklärungen genutzt werden, vor allem aber stellt sie Fragen an unsere Wirklichkeit und wie wir diese wahrnehmen.

Die Fragen sind es, die einen Erkenntnisgewinn bringen, weniger die vorgefertigten Antworten. Die Videocollage von Reinhold Lay wirkt wie ein Brennspiegel, in dem wir – zugespitzt und mit großer überhitzter Dramatik – unser Bild der Gegenwart erkennen können. Wir erkennen darin die Schärfe und Kompromisslosigkeit der politischen und moralischen Auseinandersetzungen nicht weniger als die Neigung zu Radikalismus und Rechthaberei. Den eingelesenen Texten, die der Besucher über Kopfhörer, stehend oder im Raum umherwandernd vernimmt, kommt dabei die Aufgabe eines vielstimmigen, oft widersprüchlichen Kommentars zu, der den Hörer in einem Strudel von Meinungen, pamphletistischen Bemerkungen und Stammtischparolen hilf- und orientierungslos untergehen lässt.

Ein Rezept dafür, wie sich ein Klima der vergifteten Kommunikation, wachsender Unsicherheit und Entwurzelung nicht in Aggression und populistischen Kreuzzügen entlädt, hat die Rauminstallation „Aquarius“ nicht parat. Aber sie lenkt den Blick auf die medialen Formen der Wirklichkeitsvermittlung, deren Ziel ja in erster Linie heute in der Maximierung von Aufmerksamkeit liegt. Sie plädiert für einen ständigen Perspektivenwechsel, sie lenkt den Blick auf den Horizont, besser gesagt die Horizonte, und ist ein Appell an die konstruktive Kraft des nie endenden Gesprächs.

Vielen Dank.

 

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"Bezugshöhe" - von Helmut Mühlbacher

2004 | Projektvorschlag im Rahmen der chiemSEE ART im Gemeindegebiet Pittenhart

Standort

In einem Waldstück, ca. 1 km westlich von Pittenhart gelegen, befindet sich direkt an der Strasse nach Aindorf eine sanfte Geländemulde von ca. 80 bis 100 m Durchmesser. Das Gelände senkt sich langsam von den Rändern zur Mitte hin ab, wo gegenüber dem Strassenniveau eine max. Tiefe von ca. 4,00 m erreicht wird. Die gesamte Mulde ist, wie das übrige Waldgebiet auch, von einem Fichten-Stangenwald bestanden.

Konzept

Bei der Betrachtung des ausgewählten Geländeausschnittes dominieren zwei sehr unterschiedliche Strukturen die Erscheinung eines für unsere Sehgewohnheiten ganz normalen Landschaftsbildes. Zum einen ist dies die markante vertikale Struktur des Fichtenforstes und zum anderen die sanfte topographische Situation der oben beschriebenen Geländemulde. An diesem Standort wird besonders das Aufeinandertreffen von natürlicher Gegebenheit und menschlicher Kultur sichtbar.

Meine Arbeit benutzt diese beiden Aspekte als wesentliche Ansatzpunkte und will damit die bestehende landschaftliche Situation, durch eine einfache Veränderung des gewohnten Bildes, in ihrer Erscheinung verstärken aber gleichzeitig auch zu einer Einheit verschmelzen lassen.

Dazu soll bei allen Bäumen, welche sich im Bereich der Geländemulde befinden, auf absolut gleicher NN-Höhe ein ca. 12 cm dünner Ring aus weißer Farbe angelegt werden. Die Bezugshöhe für das Höhennivellement ist der tiefste Punkt des ”Beckenrandes” der Geländemulde.

An einigen, am Rand der Geländemulde stehenden Bäume, wird die Linie nur noch hauch dünn zu sehen sein. Diese Bäume markieren dann eine imaginäre Begrenzung des Beckens. Durch diesen Übergang wird ein Bezug zu einem Wasserspiegel hergestellt und somit auf die Natürlichkeit des Standortes und seine Entstehungsgeschichte verwiesen (Die gesamte Region ist aus Gletscherschürfungen und Eislöchern entstanden).

Da sich die Besucher frei im Gelände bewegen und die Arbeit aus allen Richtungen und Höhen (über und unter der Linie) wahrnehmen können, wird sich ein ständig variierender Anblick ergeben. Die Markierung wird zu einer ”Bezugshöhe” zwischen der Geländeoberfläche und dem Betrachter und das scheinbar gewohnte und normale Landschaftsbild wird zu einer interaktiven Landschaftsskulptur. Es entsteht eine Symbiose aus der Topographie des Geländes, dem Fichtenforst und dem betrachtenden Menschen. Natur und Kultur befinden sich dann gewissermaßen auf einer Linie. Diese minimalistische Arbeit wird, in Abhängigkeit der Farbe und des Witterungsverlaufes, nur für einen begrenzten Zeitraum sichtbar bleiben und keinerlei Spuren im Gelände hinterlassen.

Durch den dichten Fichtenbestand werden, aus bestimmten Blickwinkeln, die Ringe an den Bäumen optisch zu einer absolut horizontal verlaufenden Linie verschmelzen uns somit einen starken Kontrast zu der vertikalen Struktur der Fichtenstämme bilden. Beides sind Elemente, denen ein gewisses rationelles Denken und Handeln vorausgeht.

 

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"running system" für den Bahnhof Rosenheim - von Helmut Mühlbacher

2019 | Wettbewerbsbeitrag für den Bahnhofsvorplatz in Rosenheim

“running system” ist eine Skulptur, die den durchschnittlichen Temperaturverlauf in Deutschland von 1881 – 2018 dreidimensional visualisiert und damit ein sehr globales Thema in den lokalen Öffentlichen Raum einbringt, als Grundlage für Diskussion und Auseinandersetzung.

Der neue Bahnhofsvorplatz/Südtiroler Platz in Rosenheim bietet dafür eine optimale Umgebung, ist es doch der Platz, an dem es maßgeblich um Verkehr und Mobilität, Energie, Arbeitswelt, Stadtentwicklung, sowie Stadt- und Alltagsleben geht. Die Skulptur ist eine ästhetische Übersetzung von vorhandenen und viel diskutierten wissenschaftlichen Daten, die bis dato so nicht erfahrbar sind und gedanklich weitergeführt werden können.

Durch die farbliche Übersetzung und lineare Entwicklung lenkt die Skulptur die Gedanken automatisch in die Zukunft, die lokale Wahrnehmung und Erkenntnis kann somit wieder auf ein globales Phänomen transferiert werden. Die Kombination aus der Stimmigkeit der Farbgebung und des Inhalts vermittelt die Ambivalenz des Schönen. Rosenheim kommt zukünftig, durch die zentrale Lage als Verkehrsknotenpunkt und als Pforte zum Süden, in diesem Kontext möglicherweise keine unwesentliche Rolle zu.

Die Skulptur besteht aus 138 quadratischen Stahlrohren von 7x7x210 cm, die auf einer gebürsteten oder lackierten Edelstahlplatte befestigt sind. Die Stelen, deren Breite der von Eisenbahnschienen entspricht, sind mit einem Abstand von 3 cm angeordnet, so dass der Hintergrund durchscheinen kann und die Skulptur luftig wirkt. Begünstigt wird dies durch die versetzte Anordnung.

Die Anzahl der Stelen entspricht den Jahren seit Beginn der verlässlichen Temperaturaufzeichnungen in Deutschland im Jahr 1881. Auf der belagsbündigen Grundplatte sind mit Edelstahlziffern die Dekaden und die jährlichen Durchschnittstemperaturen gekennzeichnet, die Mittelachse bildet das langfristige Temperaturmittel von 8,3° C ab.

Ausgehend davon sind die Stelen im Minus- oder Plusbereich angeordnet und zusätzlich, je nach Temperaturabweichung vom Mittel (ein Grad Celsius entspricht dabei zehn Zentimeter Abweichung) mit einer zugeordneten Farbe nach der untenstehenden Farbskala lackiert.

Die Skulptur wird dadurch selbsterklärend, nach dem einfachen Prinzip, je kräftiger blau desto kälter und je kräftiger rot desto wärmer. Aus jeder Richtung kommend, kann das durch Verdichtung entstehende Bild gleichwertig gelesen werden. Das Bild wird sich je nach eigenem Standort und Bewegung permanent verändern und bietet einen farbintensiven Kontrast zu dem sehr schlicht gehaltetenen Umfeld und dies über alle Tages- und Jahreszeiten hinweg. Zusätzlich vermittelt die Skulptur zwischen Busbahnhof, Bahnhof, Baumplatz, dem geplanten Cafe im Oberbahnamtsgebäude und gibt dem als Durchgangsraum konzipierten Platz einen wesentlichen Inhalt und gestalterischen Schwerpunkt.

Durch die einfache und stabile Konstruktion ist die Skulptur sehr anspruchslos gegenüber Pflege und Unterhalt.

 

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"Blick ins Land" - von Helmut Mühlbacher

2021 | Installation für die Klosterkirche Traunstein im Rahmen der Offenen Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein

Aufbau der Installation

  • ca. 1400 – 1500 abgebrochene Rundhölzer, Durchmesser ca. 3,5 cm, werden im Raster von 25 cm im Kirchenraum auf einer Fläche von ca. 8,70 x 12m aufgestellt, durch die Verdichtung entsteht ein flächiger Eindruck, eine Landschaft. (Größe und Anordnung der Installation im Kirchenraum sind variabel)
  • Höhe der Rundhölzer ca. 20 – 80 cm, die Bruchstellen bilden eine Mikrolandschaft ab.
  • keine Fixierung der Hölzer am Boden, maximal schonender Umgang mit dem neu sanierten Raum, dadurch bekommt die Installation eine Labilität.
  • “Trampelpfade” mit einer Breite von ca. 40-60 cm durchziehen das Feld, Wegekreuzungen ermöglichen einen Richtungswechsel. Die Anzahl der Pfade und die Größe der dadurch entstehenden Inseln ist variabel.
  • kleine Modellbaufiguren im M 1:87 (ca. 50 Stück) sind auf den abgebrochenen Holzlatten im Inneren der Inseln platziert und auf den ersten Blick mit freiem Auge kaum wahrzunehmen.
  • Die Figürchen zeigen verschiedenste Lebenswirklichkeiten einer globalisierten Welt, diese können über ein Teleskop, das auf einem Stativ aufgestellt ist, gesucht und im Detail begutachtet werden.
  • Eine Handyhalterung am Teleskop ermöglicht zusätzlich das Fotografieren der Figürchen und der Installationsdetails.

Inhalt der Installation

Die Installation ist Interaktiv und kann nicht in vollem Umfang ohne Aktivität der Betrachter:innen erfasst werden. Je aktiver die Hingabe an die Installation erfolgt, desto intensiver wird das sinnliche Erlebnis und desto mehr inhaltliche Schichten können freigelegt werden. Es geht dabei sehr wesentlich um Ordnung, Macht, Brüche und Labilität.

  • Die Rasteranordnung der Rundhölzer steht symbolisch für Ordnung und System, aber auch für Kontrolle und Macht.
  • Das Durchschreiten des Feldes braucht große Vorsicht, denn die Rundhölzer können umfallen und einen Dominoeffekt auslösen. Dadurch wird die Installation dynamisch und sich möglicherweise öfters verändern, das Thema der Labilität wird unmittelbar und spürbar.
  • Das Fotografieren spiegelt die Realität des Beobachtens, Observierens, Dokumentierens und unmittelbaren Verbreitens des Lebens Anderer über Soziale Medien wieder.
  • Der Blick auf Schicksale und Themen aus einer gesicherten und Erhabenen Position bildet den Kern der Installation. Ein Machtspiel – während gleichzeitig große und globale Umwälzungen im Gange sind, sei es gesellschaftlich, politisch oder ökologisch. Die extreme Vertauschung der Maßstäbe macht dies spürbar.
  • Die Installation basiert auf einem starken Raumbezug zur ehemaligen Kirche, u.a. zu den Texten an der Decke, es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Oben und Unten, zwischen Groß und Klein, Vergangenheit und Gegenwart, gleichzeitig eröffnet sich der Blick und die Frage in und an die Zukunft.

 

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"StadtNatur" - von Judith Bader

2006 | Auszug aus der Eröffnungsrede von Judith Bader zur Ausstellung „Stadt-Land-Fluss“ von Helmut Mühlbacher und Paul Huf. Judith Bader ist Kunsthistorikerin und Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein.

(…) Im Stadtpark nun, unserem dritten Ort der Ausstellung, finden Sie ein kleines handelsübliches Gewächshaus mit sonderbaren Blümchen, die auf den ersten Blick tatsächlich an in Reih und Glied stehende Pflanzen erinnern, sich aber bei näherer Betrachtung als Plastikfliegenklatschen erweisen. Und hören wir genau hin, dann ist sogar das Geräusch von vergeblich an Glasscheiben anfliegenden Insekten zu vernehmen. Nur kommt das Geräusch vom Band, es ist also ebenso künstlich wie die falschen Blumen. Während der Nachtstunden erleuchtet ein blaues Wachstumslicht das Glashaus, das angesichts der Beschaffenheit der Blumen sich ad absurdum führt.
Für den 1968 geborenen Künstler Helmut Mühlbacher ist diese Installation im öffentlichen Raum nicht seine erste (…) und in seiner künstlerischen Arbeit beschäftigen ihn unsere Vorstellungen des Natürlichen, die er als kulturell vermittelt und daher einem geschichtlichen Wandlungsprozess unterworfen versteht. Helmut Mühlbacher denkt darüber nach, wie das von den Menschen konstruierte und vertretene Konstrukt der Natur prägender Ausdruck und Spiegel des menschlichen Selbstverständnisses ist. Ein Stadtpark nimmt landschaftliche und gärtnerische Elemente auf, um im Häusergewirr so etwas wie grüne Oasen, ein Stück Natur zu schaffen. Der städtische Raum ist öffentlich, ein kleines Gewächshäuschen hingegen wird dem privaten Garten zugeordnet. Gärtnerische Aktivitäten meinen im Allgemeinen die Reglementierung und Nutzbarmachung von Natur, sie verkörpern dennoch auch noch in ihrer künstlichsten Form unsere Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Echtheit. Eine Fliegenklatsche hingegen ist der zum Gegenstand gewordene Ausdruck eines explizit gegen Erscheinungen der Natur gerichteten Impulses. Neben der Vergegenwärtigung des Gegensatzpaares von öffentlichem und privaten Raum, neben allen Assoziationsketten, die durch die Thematisierung von lebendigem Wachstum und ihrer Vernichtung ausgelöst werden, steht über der Installation im Stadtpark deshalb die Frage: Welche Form der Natur wünschen wir uns eigentlich? (…)

 

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"natürlich - künstlich | Kunst im Park" - von Judith Bader

2014 | Aus der Medieninformation der Städtischen Galerie

(…) Im Zentrum der elliptischen Rasenfläche liegt eine Stahlplatte flach auf der Erde, auf der mit ausgefrästen und mittig platzierten Buchstaben die Wörter künstlich und natürlich zu lesen sind. Im Laufe der Zeit hat sich das Gras seinen Weg ans Licht gesucht und bildet nun den Schriftzug. Wenn der Rasen im Park gemäht wird, kann direkt über die Platte gemäht werden und der Wachstumsprozess beginnt von vorne. Nach dem Abbau der Platte im Herbst bleibt zunächst ein braches Stück Erde, das die Grasschriftzüge noch einige Zeit zeigt, bis sich die Natur alles zurückerobert hat und nichts mehr auf die Existenz des Kunstwerks hinweist. Eine vorzeitige „Rekultivierung“ der Fläche wird aus diesen Gründen unterbleiben. Dieses konzeptuell ausgerichtete Werk, das die Natur zum Thema und zum Mitakteur macht, spricht mehrere inhaltliche Ebenen an. Zum einen lässt es den aufmerksamen Spaziergänger – der eilige Passant übersieht das Werk wahrscheinlich – die sprachliche Gegenüberstellung von natürlich und künstlich hinterfragen, das in der westlichen Logik als Gegensatzpaar interpretiert und verwendet wird. Bildnerisch wird der Zweifel an unseren scheinbaren Gewissheiten durch die stereotype Schablonenhaftigkeit der Buchstaben angedeutet. Zum anderen kommentiert Mühlbachers Arbeit indirekt auch den Aufstellungsort „Park“ als Bedeutungsort für Werte und Normen einer ihn schaffenden und kultivierenden Gesellschaft. Der Park als Ort der Erholung und Kontemplation im öffentlichen Raum kann ja geradezu als Prototyp für das Gegensatzpaar natürlich versus künstlich gelten. Die Tatsache ihrer Existenz und das Aussehen von Parkanlagen sind in extremem Maße zeit- und kulturabhängig. Der Bedeutungswert des Natürlichen in der heutigen Zeit schlägt sich in der Gestaltung freier und landschaftsnaher Gartenformen nieder, was freilich nicht darüber hinwegtäuschen kann, wie sorgfältig geplant und angelegt, und wie abhängig von permanenter Pflege jeder Park ist. (…)

 

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"AUFBRUCH" - von Helmut Mühlbacher
2018 | Konzept von Helmut Mühlbacher für eine Bodenskulptur für den Campus St. Michael Traunstein

Ausgangssituation
Das Thema „Kollaps“ der Offenen Jahresausstellung des Kunstverein Traunstein 2018 bewegt mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema als auch mit der eines geeigneten Ortes.
Eine Skulptur zu schaffen, die in Verbindung mit dem Ort in der Lage ist, bei möglichst vielen Menschen unterschiedlichste Gefühle und Fragestellungen auszulösen, ist das erklärte Ziel.
Es soll ein Ort der Reflektion entstehen.

Ort
Südlich des Hauptgebäudes des Campus St. Michael befindet sich eine wenig gestaltete Rasenfläche, die lediglich im Bereich des Haupteingangs mit einigen alten Eiben und einem Baum bestanden ist. Das Gelände fällt von Süd nach Nord um ca. einen Meter ab.
Diese Fläche ist gut geeignet, um eine großzügige Bodenskulptur zu schaffen, die einerseits in das Ensemble eingebettet ist und andererseits von verschiedensten Standpunkten aus wahrgenommen werden kann, so z.B. aus den oberen Stockwerken des Hauptgebäudes (vgl. Lageplan M 1:200).

Skulptur
Die sehr minimalistisch konzipierte und subtil wirkende Bodenskulptur besteht aus nur zwei Materialien: dem vorhandenen Boden mit Rasen und Einfassungen aus Stahlblech.
Die Fläche eines unregelmäßigen Vierecks liegt leicht gekippt in der vorhandenen Rasenfläche. Die Ecken stehen bis zu max. 30 cm über das vorhandene Bodenniveau heraus, oder tauchen bis zu max. 30 cm in den Boden ein. Die Einfassung und Stützung der aufragenden und in den Boden eingetauchten „Scholle“ wird durch 8mm starke Stahlbleche gewährleistet, die Ecken sind verschweißt und verschliffen.
Die sehr präzis geformte schiefe Ebene, mit unterschiedlichen Neigungen, bildet einen prägnanten Kontrast zur Umgebung und wird somit zu einer raumgreifenden, spannungsreichen und labil wirkenden Skulptur, die von allen Blickwinkeln aus ein anderes Erscheinungsbild bietet (vgl. Modell M 1:50), vor allem zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten, je nach Sonnenstand und Lichteinfall.
Die Anlage der Bodenskulptur orientiert sich an der vorhandenen Topographie.
Die Bodenarbeit ist als interaktive Skulptur konzipiert und soll im wahrsten Sinne des Wortes begeh- und begreifbar sein, erfühlt und mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Erst dadurch wird sie ihre volle Wirkung entfalten und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Konzept / Kontext
Das Thema des „Kollaps“ steht im Zentrum der Arbeit und wird über die Skulptur sicht- und spürbar gemacht. Ziel ist es, einen Weg zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu erschließen und somit einen neuen Denkort zu schaffen.
Sowohl das Umfeld des Campus St. Michael als auch eine interessierte Öffentlichkeit wird in das Konzept einbezogen, denn die Skulptur soll nicht nur für den Moment der Ausstellung wirken, sondern vielmehr in die Zukunft gerichtet sein und im wahrsten Sinne des Wortes als Plattform fungieren, als Bühne des Denkens und Handelns, z.B. für Theaterinszenierungen, Schreib- und Sprachwerkstätten, Gesprächsrunden oder Musikinterpretationen.

 

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"Kreisläufe" - von Helmut Mühlbacher

2017 – 2019 – 2021 | Performative und interaktive Skulptur im öffentlichen Raum

Konzept

12 oder 24 Sunden ohne Unterbrechung auf einer vorgegebenen und markierten Kreisbahn, mit einem Umfang von ca. 80 Meter (siehe Lageplan), im Kreis zu gehen ist das ausgegebene Konzept.

Ziel der performativen und interaktiven Skulptur für den Öffentlichen Raum soll es sein, das Verhältnis von Körper, Raum, Bewegung und Zeit auszuloten und gleichzeitig die Aktion als Kommunikationsplattform zu nutzen, um mit Passantinnen und Passanten in einen Dialog über das gegenwärtige Verhältnis von Konsum und Kultur einzutreten.

Im Kurzüberblick

formal

  • Umfang der Kreisbahn ca. 80 m, Durchmesser 25,4 m, Anpassung an örtliche Bedingungen
  • Markierung des Kreises mit Farbpunkten zu Beginn der Performance
  • Dauer 12 oder 24 Stunden
  • Durch das permanente Begehen des Kreises wird sich eine Spur im Untergrund (Rasen, Kies, Schnee etc.) abzeichnen, je nach Feuchtigkeit wird sie unterschiedlich tief sein und als temporäre Skulptur zurück bleiben, erst im Laufe der Zeit wird sich die Spur wieder dem umgebenden Untergrund angleichen
  • keine Behebung der Spur mit gärtnerischen Mitteln
  • Die Spur kann nach der Performance von allen Passant:innen weiter begangen werden

konzeptionell

  • performative und interaktive Skulptur im Öffentlichen Raum
  • work in progress
  • Meinungs- und Stimmungsbild einfangen, das Gehen im Kreis als Impulsgeber
  • Auslotung des Verhältnisses von Körper, Raum, Bewegung, Zeit, Kommunikation und diese als bildnerische Mittel einsetzen
  • Die Endlosschleife als Symbol und Rhytmusgeber

 

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"Feldforschungen" - von Helmut Mühlbacher
Das Konzept der “Feldforschung” hat seinen Ursprung bereits in der Studienzeit an der Akademie der Bildenden Künste in München und wird seit dem von mir konsequent fortgeführt und auf die jeweilige Umgebung abgestimmt. „Feldforschung“ ist per Definition eine empirische Forschungsmethode zur Erhebung von Daten mittels Beobachtung und Befragung im „natürlichen“ Kontext.

Diese Datenerhebung, Beobachtung und Befragung im „natürlichen“ Kontext führe ich mit meinen Installationen aus, in dem ich direkt den Raum und den Kontext verändere und dadurch neue „Ist-Zustände“ schaffe.

Die Installation „Feldforschung“ besteht aus seriellen und handbemalten Fliegenklatschen, die durch ihre Anordnung und Gruppierung auf den ersten flüchtigen Blick den Eindruck eines Blumenfeldes aus Narzissen oder Tulpen vermittelt. Untersucht wird dabei die veränderte Raumwirkung und die Wechselwirkung mit der „natürlichen“ Umgebung des Menschen. Durch die Intervention wird der Raum neu inszeniert und definiert, gleichzeitig wird ein überraschendes Spannungsfeld im Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufgebaut.

Glaubt man aus der Ferne und auf den ersten Blick ein gewohntes „Natur-Bild“ zu erkennen, das durch kulturelle Prägung in unserem kollektiven Bildspeicher abgelegt ist, so liefert der zweite und dritte Blick bei näherer Betrachtung und Einlassung eine Überraschung und Irritation, die unser festgesetztes und tradiertes Bild von Natur ins Wanken bringt und Fragen an die Rolle des Menschen stellt.

Inhalt/Konzept im Kurzüberblick

formal:

  • Installation vorwiegend im Öffentlichen Raum, Größe und Maße variabel
  • die Installationen bestehen meist aus einigen Hundert konventionellen Fliegenklatschen, die weißen sind seriell, die gelben und roten handbemalt
  • loses oder stringentes Arrangement, je nach Umgebung und Kontext, die Größe, Ausdehnung oder Anordnung ist variabel und orientiert sich an der Örtlichkeit
  • die Fliegenklatschen werden in den Boden oder Substrat gesteckt, keine zusätzliche Befestigung
  • die „Feldforschung“ wird seit 2000 an den unterschiedlichsten Orten betrieben, z.B. in freier Landschaft, Industriebrachen, Parkanlagen aber auch in Verbindung mit Gebäuden und Ausstel-lungsräumen, die formale Anordnung orientiert sich an der Umgebung

konzeptionell:

  • Fragestellung an den Begriff der Natur und des Natürlichen vs. des Künstlichen
  • Fragestellung an das Verhältnis von Mensch und Natur
  • die Fliegenklatschen sind vom und für den Menschen gemachte Tötungsgeräte und bekommen durch die aktuelle Diskussion um das Insektensterben und den Artenschutz eine ganz neu Bedeutung und Brisanz
  • grundlegende Fragestellung an die Lebensbedingungen des Menschen und seine Erhabenheit

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"Weiße Traun - Rote Traun" - von Judith Bader

2012 – 2013 | Projekt im öffentlichen Raum

In diesem Kunstprojekt wird nicht gemalt und nicht plastisch geformt und das Ergebnis ist nicht in einer konventionellen Ausstellung zu präsentieren. Das Kunstprojekt „Weiße Traun – Rote Traun“ des Traunsteiner Künstler Helmut Mühlbacher lässt sich am ehesten dem Bereich der Konzeptkunst zuordnen. Die Weiße und die Rote Traun sind zwei kleine Flüsse, die sich kurz hinter der Gemeinde Siegsdorf zur Traun vereinigen. Die unterschiedliche Färbung der Gewässer kann man bereits aus den Namen herauslesen, die einmal die Prägung durch das eher helle Gestein der nördlichen Kalkalpen und einmal die Herkunft aus einem moorigen Quellgebiet widerspiegeln. Diesem kleinen oder, je nach Sichtweise, großen Ausschnitt aus der Wirklichkeit galt die künstlerische Aufmerksamkeit von Helmut Mühlbacher über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Weder wollte er ein nachahmendes Abbild der Natur schaffen, indem er zu Farbe und Pinsel griff, noch lag ihm daran, ein kurzzeitiges dekoratives Seherlebnis zu schaffen, indem er die beiden sich vereinigenden Flüsse mit unbedenklichen organischen Farbstoffen (Ziegelmehl und Sägemehl Untersberger Marmor) entsprechend ihrer Namensgebung und Grundtönung einzufärben vorhatte.

In der jüngeren Kunstgeschichte finden sich – diese seien exemplarisch herausgegriffen – zwei wegweisende Beispiele für das künstlerisch motivierte Einfärben von Gewässern. Dem Bereich der Natur-Kunst, einer Variante der Land-Art, zugeordnet, sind die Foto- und Filmerzeugnisse, die von Andy Goldsworthys Färbeaktionen an entlegenen Flussläufen stammen. Bei dem in größter Einsamkeit agierenden Goldsworthy ist das künstlerische Ziel ein dekoratives Bild, das sein emotionales, auf Demut und Bewunderung beruhendes Verhältnis zur Natur wiederspiegelt und das er einem nach Sinn strebenden (westlichen) Publikum zur Verfügung stellt. Seinem künstlerischen Ansatz liegt eine uneingeschränkt positive Bewertung für die Gesetze und Erscheinungsweisen der Natur zugrunde, was das tendenziell pathetische seiner Arbeiten erklärt. Aber genau diesem Umstand verdankt Goldsworthy seine Popularität, denn die Fotos, die Einheits- und Vergänglichkeitserfahrungen leicht und ohne besonderes Risiko konsumierbar machen, stillen die Sehnsüchte eines Publikums, das sich in seiner alltäglichen, naturfernen Realität mehr und mehr entwurzelt fühlt.

Ein anderes, geradezu konträreres Extrem lässt sich beim Dänen, isländischer Herkunft, Olaf Eliasson finden, der auf kommunalen oder privaten Auftrag hin beliebige Gewässer in ein sattes, aber unnatürlich wirkendes Grün färbt und dies sehr spektakulär in Szene setzt. Er verwendet, – im Gegensatz zu Goldsworthy, der ausschließlich Materialen aus der Natur einsetzt, – Uranin, ein käufliches und zugelassenes Mittel zur Färbung von Wasser, das in der Geologie oder in der Untersuchung von Wasserwegen und auch Rohrbrüchen Verwendung findet. Das Vorhaben seiner großflächigen Färbeaktionen wird nicht publik gemacht, so dass der Passant / der Betrachter überrascht wird. Eliasson unterwirft die Natur, indem er mit einem analytisch-technischen Ansatz und mit großem logistischem Aufwand sein künstlerisches Vorhaben umsetzt. Er überwältigt auch den nicht eingeweihten Betrachter, der zwischen Erschrecken, weil er eine Umweltkatastrophe vermutet, und Faszination des technisch Machbaren schwankt.

Das Kunstprojekt „ Weiße Traun – Rote Traun“ von Helmut Mühlbacher war von Anfang an darauf angelegt, dass nicht nur die örtlichen Gegebenheiten, angefangen bei Gesteins- und Wasseranalysen bis zu Pegelstandsmessungen zu verschiedenen Jahreszeiten und Witterungsverhältnissen, geprüft und ausgewertet, sondern dass auch entsprechende Fachleute, Behörden und die unterschiedlichsten Interessensvertreter nach und nach in das Kunstprojekt mit einbezogen werden. Das Leitthema „Inklusion“ der Oberbayerischen Kultur- und Jugendkulturtage war durch diese Vielfalt an Beteiligten konkret verwirklicht. Zumal die abschließende Färbeaktion selbst durch Bürgerinnen und Bürger bewerkstelligt werden sollte, so dass es sich bei den ausführenden Akteuren und den Betrachtern um einen identischen Personenkreis handelt. Der Prozesscharakter und die werkkonstituierende Rolle von „kunstfernem“ Personal sowie ein Verzicht auf die reine Visualität und die subjektive Expression sind die entscheidenden konzeptuellen Merkmale des Kunstprojektes „ Weiße Traun – Rote Traun“. Der Künstler tritt völlig zurück hinter die aktions- und prozessorientierte Praxis, die er an den Verbindungslinien zwischen Kunst, Alltag, Ökologie und Politik initiiert hat. Den Prozess und auch den Ausgang des Prozesses will und kann der Künstler dabei nicht steuern und beeinflussen; sichtbar gemacht hat er dennoch etwas entscheidendes, da er Erkenntnisse, Verfahrenweisen, ökologische und politische Zusammenhänge und Abläufe dokumentiert und damit transparent und nachvollziehbar der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Und der Künstler damit letztlich doch wieder eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst erfüllt, die darin liegt, den Blick auf die Komplexität der Wirklichkeit zu schärfen.

Judith Bader M.A., Leiterin Städtische Galerie Traunstein

 

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"Weiße Traun - Rote Traun" - von Helmut Mühlbacher
"Kunst in den Hundstagen“ - von Stephan Huslik, Galerie Aurum Magnum

Hans Lankes | Messerschnitt
Helmut Mühlbacher | Objekt und Installation

21.07. – 18.08.2013

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich darf Sie an diesem wunderschönen Sommerabend hier in unserer Galerie recht herzlich begrüßen zu unser heuer zum dritten Male stattfindenden Ausstellungsreihe »Kunst in den Hundstagen« mit Arbeiten von zwei renommierten Künstlern, dem in Bogen gebürtigen Hans Lankes  und dem aus Traunstein stammenden Helmut Mühlbacher. Es ist schön, dass beide Künstler den heutigen Abend  mit uns verbringen – herzlich willkommen!

(…)

Schwankender Boden, schwierige Aufgaben. Geradezu die ideale Herausforderung für Helmut Mühlbacher, den studierten Landschaftsarchitekten und Absolventen der Kunstakademie München. Er ist bekannt für seine intensiven Auseinandersetzung mit räumlichen Situationen und der Entwicklung von Arbeiten für einen spezifischen Ort oder seine Installationen im öffentlichen Raum.

Nun bietet der öffentliche Raum andere Möglichkeiten und Bedingungen als eine Galerie. Deshalb übernehme ich ebenfalls die Kurzbeschreibung der Einladung. „Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstände: Helmut Mühlbacher spielt mit Materialien und der Komplexität der Wirklichkeit.“ Und wie er damit spielt. Für die Arbeit NETWORK zum Beispiel verwendet er Material, dass nun wirklich jeder aus seinem Berufs- oder Alltagsleben kennt: Druckerpatronen, Druckerpapier, die dazugehörigen Kartons und Perlonschnur. Aus diesen „Zutaten“ installiert er ein Objekt, das geradezu wie ein Symbol unserer umtriebigen Welt wirkt: Der ununterbrochene Kreislauf vom Erzeugen von »Papieren«, wobei dieser Begriff für jede Art der Produktion stehen kann, ein statisches Perpetuum mobile des Wachstums. Auf dem Papierstapel legt er einen überdenkenswerten Text des deutschen Soziologen Harald Welzer, der geradezu für diese Arbeit geschrieben worden scheint.

Oder die Installation HALLI GALLI. Hier stellt er ein anderes Brauchtumsjahr dar, als was gemeinhin der Festkalender des Kirchenjahrs so zu bieten hat.

Von einer Installation im öffentlichen Raum sind zwei Fotoarbeiten zu sehen. Auf den ersten Blick zeigt sich geradezu eine Idylle. Das Weiß eines winterlichen Feldes im milden Kontrast zu stehen gebliebenen feingelben Halmen im Hintergrund, während sich im Vordergrund rote oder grüne Gegenstände ebenso eine farbliche Einheit bilden. Es bedarf eines genauen zweiten Blickes, im diese Gegenstände zu identifizieren, um sich die dahinter stehende Frage nach dem Spannungsfeld des „Natürlichen” und „Künstlichen“  zu stellen. Und den Gedanken weiterzuspinnen.

(…)

"Raumordnungsverfahren" - von Judith Bader

Eröffnungsrede zur Ausstellung „Raumordnungsverfahren“ von Helmut Mühlbacher in der Dr. Kalscheuer-Schule am Donnerstag, 29.10.2020 um 18 Uhr

Meine Damen und Herren,

zwei künstlerische Arbeiten mit Weltkugeln hat Helmut Mühlbacher in seiner Ausstellung „Raumordnungsverfahren“, hier in der Aula der Dr.-Kalscheuer Wirtschaftsschule platziert: „Ping-Pong“ und „Nordföhn“. Gleich beim Eintreten empfängt uns eine so genannte Winke-Katze, die in unregelmäßiger Folge einen an einem dünnen Nylonfaden hängenden Miniaturglobus mit ihrer sich gleichmäßig vor und zurück schlenkernden Tatze zum Trudeln bringt. Bei jedem Schlenkern der mechanisch angetriebenen Tatze gibt es ein kleines Geräusch, nicht unähnlich dem Ping-Pong-Geräusch beim Tischtennis, nicht unähnlich allerdings auch einem tickenden Uhrwerk. Im japanischen und chinesischen Kulturraum ist die Winkekatze ein beliebter Glücksbringer, der Wohlstand, finanzielles und geschäftliches Glück herbeiwinken soll. Bei Helmut Mühlbacher wird der mechanische Wohlstandsbringer zum Akteur, unsere Erde zu seinem Spielball.

In der Installation „Nordföhn“ hingegen wird eine ähnliche Miniaturweltkugel durch den gleichmäßigen Luftstrom von vier im Quadrat aufgestellten handelsüblichen Föhnapparaten zum Schweben und Tanzen gebracht. Eine Irritation des Luftstroms, ein Knopfdruck oder ein nicht kalkulierbarer Stromausfall bewirken den sofortigen Absturz.

Um für die extreme Gefährdung und Labilität unserer Erde eine künstlerische Form zu finden, welche den Klimawandel und einen aus dem Ruder laufenden, sich gegen den Menschen wendenden Wachstumsbegriff thematisiert, hat der Künstler Helmut Mühlbacher die Größenverhältnisse auf den Kopf gestellt. Die Kräfte, die unsere Erde bewegen, sind übermächtig, die Gefährdung unseres Planeten existenziell, der Absturz scheint unausweichlich.

In seiner Ausstellung zeigt Helmut Mühlbacher einen Querschnitt seines künstlerischen Schaffens aus den letzten 20 Jahren. Gesellschaftsrelevante Fragestellungen wie die Erderwärmung, das ökologische Gleichgewicht und die globalen Auswirkungen menschlichen Handelns auf den Zustand unseres Planeten bewegen seine künstlerische Arbeit als Bildhauer und Installationskünstler. Die Frage, was eine Landschaft gliedert, ordnet und formt, beschäftigt ihn aber auch als Landschaftsarchitekt und Landschaftsökologen. Bei Helmut Mühlbacher gehen Brotberuf und künstlerisches Schaffen Hand in Hand.

Wie kann es gelingen, eine tiefe Besorgnis um den Zustand und die Zukunft unserer Welt und die Auseinandersetzung mit ökologischen und strukturellen Themen in eine künstlerisch-ästhetische Form zu überführen, die Menschen anzusprechen vermag? Die Vermittlung von faktenbasiertem Wissen ist ja nicht die 1. Aufgabe des Künstlers, sondern vielmehr ist es das besondere Potential der bildenden Kunst die Wahrnehmung der Betrachter zu verfeinern. Helmut Mühlbacher gelingt dies, indem er in seinen künstlerischen Arbeiten die Perspektive auf unsere Wirklichkeit verändert. Eine Möglichkeit des Perspektivwechsels bietet die bereits angesprochene Umkehrung von Proportionen und Größenverhältnissen. Eine andere Möglichkeit liegt in der Materialwahl. Die Materialien stammen vielfach aus dem Alltagsleben, sind aber ihrer ursprünglichen Funktion enthoben und gewinnen in einem von Helmut Mühlbacher konstruierten künstlerischen Kontext neue erkenntnisfördernde Ebenen hinzu. Einige Beispiele: Die Reste von Druckerpatronen verwandeln sich – in feinem Passepartout und edel gerahmt –  zu schönfarbigen Landschaften mit Bergsilhouetten und einer Horizontlinie. Fliegenklatschen aus Plastik, die im Schnee stecken, gewinnen plötzlich eine Dimension des Natürlichen, die gleichzeitig den echten Zimmerpflanzen, die Helmut Mühlbacher dazu gruppiert hat, verloren geht. Ein handelsüblicher Papierhandtuchspender, gedacht zur Säuberung und zur Beseitigung von Schmutz, liefert kleine Kunstwerke kostenlos zum Mitnehmen.

Was ist Müll und was ist Kunst? Was ist viel wert und was wenig? Was bedeutet Wachstum in der Wirtschaft und was bedeutet Wachstum in der Natur? Was ist echt und was ist unecht? Was ist natürlich und was ist künstlich? Die Kategorien unserer Ordnungssysteme geraten in der Ausstellung „Raumordnungsverfahren“ durcheinander.

Programmatisch wird gleich in zwei Kunstwerken von Helmut Mühlbacher diesem unserer Vorstellung von Welt und Wirklichkeit so grundlegenden Antagonismus von „natürlich“ und „künstlich“ nachgegangen. Die eine dieser Arbeiten befindet sich im Innenraum, bewusst vom Künstler positioniert vor der Schulmensa, die andere befindet sich im Außenraum, im zur Schule gehörenden Schulgarten. Im Außenraum wächst Gras durch die auf einer Stahlplatte gefrästen Schriftzüge von „natürlich“ und „künstlich“, im Innenraum ist es die durch den Künstler angesäte Kresse, die durch die Zwischenräume zum Licht drängt und die auch geerntet werden darf. Innenraum und Außenraum, Kunst und Künstlichkeit, Natur und Technik sind Wirklichkeitsbereiche, die wir gelernt haben, scharf voneinander zu trennen. Meist wird hier eine strikte Grenze gezogen. Und damit wären wir bei einem weiteren grundlegenden Thema von Helmut Mühlbacher angelangt, das darauf abzielt unsere Alltagsperspektive zu verändern. Seiner Ausstellung hat der Künstler den Titel „Raumordnungsverfahren“ gegeben. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Bereich der Landschaftsplanung und bezeichnet Gutachten, die strukturelle Eingriffe, vom Menschen gezogene Grenzen also, in Landschaft und Natur untersuchen und beurteilen. Die Kartografierung der Welt kommt dem menschlichen Bedürfnis nach Ordnung und Systematisierung entgegen, ist aber auch ein Machtinstrument, das Grenzen und Wichtigkeiten festlegt und unsere Wirklichkeitswahrnehmung in erheblichem Maße beeinflusst. Die Hauptaufgabe und damit das Kernproblem der Kartografie liegt darin, komplexe, im Originalraum sich ereignende Phänomene, Sachverhalte und Prozesse auf erheblich verkleinerten Darstellungsflächen abzubilden und zu beschreiben. Um dies sinnvoll zu ermöglichen, müssen Kartografen aus der Fülle der Daten die wichtigsten und typischen auswählen und für die Darstellung generalisieren. Ein Prozess, der dem Schaffen des Künstlers nicht unähnlich ist, beide, Künstler und Kartograf, bemühen sich um Darstellungsformen der Wirklichkeit. Nur wird dem wissenschaftlich Arbeitenden generell Objektivität, während dem Künstler eine generell subjektive Sicht unterstellt wird. Alternative Darstellungsformen der Wirklichkeit in der bildenden Kunst erheben keinesfalls den Anspruch, eindeutig, richtig oder wahr zu sein. Es sind aber die fiktiven Topografien und die erdachten Welten, es sind die zu einer neuen ästhetischen Form gefundenen Realitäten im Kosmos der Kunst, die einen experimentellen Wechsel der Perspektive für jeden Einzelnen von uns erlebbar machen. Das Ergebnis bei Helmut Mühlbacher sind Kunstwerke, die mit ihren Bildbotschaften nicht nur einen theoretischen Erkenntnisgewinn mit sich bringen, sondern die immer auch eine ästhetisch-sinnliche Dimension haben. Damit vermag der Künstler den Betrachter seiner Werke intellektuell, aber auch emotional zu berühren und zu erreichen.

Das Video „…and you?“ ist im Kontext dieser Ausstellung zu lesen als Aufforderung, sich über verschiedene Perspektiven und Sichtweisen auszutauschen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Der Künstler zieht seine Kreise, auf dem Papier, auf der Leinwand oder als Person im öffentlichen Raum. Die Auseinandersetzung mit den von ihm angestoßenen Themen, die Schärfung der Wahrnehmung und die Verfeinerung der Empfindungsfähigkeit für variable Wirklichkeitsbilder bleiben uns überlassen.

Judith Bader, Städtische Galerie Traunstein

"Gefühlen ein Bild geben" - von Jonas Schiff

Ein Portrait des Künstlers Helmut Mühlbacher in “Chiemgau Land und Leute” im Juli 2017

→ Download des Artikels

"Wohin werden wir gegangen sein?" - von Marah Strohmeyer-Haider
Text anlässlich des Ausstellungsprojekts “Wohin werden wir gegangen sein?” in Bernau 2021

Helmut Mühlbacher

„Wohin werden wir gegangen sein?“, Allein diese Frage des Künstlers Helmut Mühlbacher vermittelt schon einen Eindruck über sein Schaffen. Seine konzeptionellen Arbeiten wollen immer auch eine Einladung, eine Aufforderung an den Betrachter/ die Betrachterin sein, sich aktiv geistig wie manchmal auch physisch am jeweiligen Werk zu beteiligen. Die Teilnahme durch eigene Gedanken das Kunstwerk lebendig werden zu lassen und ins Gespräch zu kommen ist ausgesprochen willkommen.

Ein Studium der Landschaftsarchitektur und der Landschaftsökologie bildet die Grundlage im Ausbildungszyklus von Mühlbacher. Spannend im Grundstudium waren Grundkenntnisse der Klima- und Wetterkunde, die nun in Werken wie z. B. „running-system“ als wissenschaftliche Grundlage dienen. Es wirkt aus der heutigen Sicht in der Biographie von Helmut Mühlbacher nur als logischer Schritt, als er seinen Weg in der Akademie der Bildenden Künste in München bei Professor Fridhelm Klein und Professor Klaus von Bruch fortsetzte. In der Klasse für „Experimentelles Spiel und Medien“ hat Mühlbacher sich, das zum Bau von Installationen nötige technische und handwerkliche Knowhow verbunden mit dem Kunstgedanken, aneignen können. Die Arbeit „Feldforschung“ (im Kurpark Bernau) begleitet Helmut Mühlbacher seit dieser Zeit und wird jedes Mal für den jeweiligen Ausstellungsraum, im Freien, wie im geschlossenen Raum neu konzipiert.

„Mein Interesse gilt insbesondere einer intensiven Auseinandersetzung mit räumlichen Situationen und der Entwicklung von Arbeiten für einen spezifischen Ort, wobei ich mich sehr intensiv mit den Begriffen “Natur”, “Landschaft” und dem “öffentlichen Raum” auseinandersetze“, so der Künstler. Mit seinen beiden Arbeiten im Kurpark – „Schritte in die richtige Richtung“ und „Feldforschung“, sowie der Ausstellung in der Galerie MarahART ist Mühlbacher ein Gesamtkunstwerk, speziell für Bernau gelungen.

Hier in der Galerie zeigen wir eine Auswahl, mit einigen Werken der vergangenen 20 Jahre aus seinem Kunstschaffen. Die einzelnen Installationen nehmen Bezug aufeinander bis hin zur gegenseitigen Ergänzung. Beginnend mit dem Werk „Schritte in die richtige Richtung“, 12-Stunden-Kreislauf, hier auf Papier, dem die performative Skulptur in Kurpark zugrunde liegt, über „running-system“, der erschreckend-schönen Darstellung unserer Klimaentwicklung, über „Ping Pong“, dem deutlichen Hinweis wie nebensächlich der Umgang mit unserem Planeten ist nur um Glück und Wohlstand zu erreichen, bis hin zu „Tschuri“ dem Abdriften ins All, sollte dieser Planet nicht mehr ausreichend sein um unsere überzogenen Bedürfnisse zu befriedigen. Die neueste Arbeit „Naturliebe“ – ein Quadratmeter Rasenfläche auf goldenem Grund im Einkaufswagen, mit todblassen Kleinlebewesen – hält uns die Sichtweise der Vermarktungsstrategien vor Augen.

Trotz aller möglichen Aussagen, die die Arbeiten bei tiefer Betrachtung in uns hervorrufen können, ist es Mühlbacher fremd apokalyptische Szenarien zu beschwören – „Erkenntnisgewinn“ ist sein Wunsch, diesen im Betrachter/ in der Betrachterin zu wecken um jedem Einzelnen Mut zu machen „Schritte in die richtige Richtung“ zu gehen.

Marah Strohmeyer-Haider

→ Mehr Infos zum Projekt “Wohin werden wir gegangen sein?”

„Watzmannprojekt“ 2007 bis 2010 - von Judith Bader

Katalogtext 2010

Der Künstler Helmut Mühlbacher arbeitet an der Schnittstelle von Konzeptkunst und installativen Interventionen im öffentlichen Raum. Auslöser für seine Projekte sind dabei stets Beobachtungen gesellschaftlicher Phänomene, welche die menschliche Lebenswirklichkeit, den normalen Alltag prägen. Mühlbachers ortsspezifische Kunst fordert dazu auf, die Umgebung der künstlerischen Arbeit mitzubedenken und dazu eine Haltung zu entwickeln.

Mühlbachers groß angelegtes „Watzmannprojekt“ umfasst einen mehrere Jahre dauernden künstlerischen Prozess, dessen verschiedene Arbeitsetappen mit ihren fotografischen, zeichnerischen und installativen Ergebnissen durchaus auch für sich stehen können.

Die Fixierung auf die Spitze des Watzmanngipfels, die Abtrennung vom restlichen Bergmassiv, die Beschränkung auf Horizont- und isolierte Höhenlinie hebeln nicht nur die üblichen Sehgewohnheiten aus den Angeln. Kategorien wie kompakte Massivität und Schwere, die gemeinhin mit den Vorstellungen eines Gebirges verknüpft sind, werden in seiner plastischen Raumzeichnung durch Linearität und Schwerelosigkeit ersetzt. Der fast idiomatische „letzte Meter“ verknüpft sich im menschlichen Denken mit inhaltlichen Vorstellungen, die aus dem Sport und dem Wettkampf entlehnt sind und eng mit dem Erreichen eines Zieles oder mit dem daran Scheitern assoziiert werden.

Die Ausgangsthese und Analyse von Helmut Mühlbachers Watzmannprojekt ist die anhaltende Wirksamkeit und touristische Funktionalisierung des Bergmythos, der als Symbol für eine ganze Region etabliert erscheint. So verweisen die Fotografien, auf welchen die isolierte und aus Stahlblech geschnittene Gipfelkontur mit Berchtesgadener Örtlichkeiten kombiniert wird, auf die Allgegenwart eines bedeutungsträchtigen Symbols, welches das gesellschaftliche Leben in Berchtesgaden prägt und beherrscht. Die verschwimmenden Grenzen von Natürlichkeit und Künstlichkeit, von Materialität und symbolischer Besetzung bei Mensch, Stadt und Natur werden deutlich gemacht.

In Mühlbachers Watzmannprojekt stehen am Ende des künstlerischen Prozesses drei Zeichnungen mit dem Titel „Graphische Vermessung“, die mit 2713 (entspricht der Höhe des Watzmanns) freihand gezeichneten Linien von 1m Länge, im Abstand von 1 mm auf einer Blattgröße von 1 x 1 m gefüllt sind. Das dem vorher beschriebenen Teilprojekt „der letzte Meter“ seinen Namen gebende Maß ist damit endgültig in seiner symbolischen Botschaft verändert worden. Dramatik und Bedrohung weichen ruhiger Konzentration, Bewältigung und Beherrschung sind einem fast meditativ zu nennenden Wahrnehmungs- und Herstellungsvorgang gewichen, der in seiner konzentrierten Regelmäßigkeit und trotz seiner Gleichförmigkeit der zeichnenden und gelegentlich zitternden Hand größtmögliche Individualität zugesteht.

Helmut Mühlbacher hat die Grundlagen des Mythos Watzmann erforscht und durch künstlerische Abstraktion bewusst gemacht. Indem formal und inhaltlich völlig neue Perspektiven aufgezeigt werden, erneuert und erfrischt er unseren Blick auf die eigene Kultur und die eigene Wirklichkeit.

Judith Bader
Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein

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83278 Traunstein
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